Generationen Wohnen

Eine Veränderungsgeschichte inspiriert aus Nordfriesland

Diese Zukunftsgeschichte ist im Rahmen eines Workshops im Herbst 2025 entstanden. Wir danken allen Mitwirkenden.
Für die Entwicklung der Geschichte wurden das Weiter-Erzählen Playbook und das REGIOKataster verwendet.

Eine Zukunftsgeschichte zum Thema Wohnen und Teilhabe

Es waren einmal in Nordfriesland Bürgerinnen, Kommunalpolitiker, Projektemacher, (soziale) Unternehmen und soziale Träger.

Sie lebten in einer Region mit kurzen Wegen (in Bezug auf Beziehungen, die sehr ausgeprägt sind), vielen Dörfern mit ganz besonderen nachbarschaftlichen Strukturen, die nicht immer für alle so offen sind, wie im Inner-Circle, Wohlstand (den z.B. auch Zugezogene mitbrachten), Küste und viel Tourismus (wobei die Einheimischen in der Offseason ein unzureichendes Angebot z.B. an ÖPNV haben, mit zahlreichen Ferienwohnungen und knappen Wohnraum) und Lebensqualität (mit Natur, Stille statt Stadtlärm; und noch vielen unerfüllten Gedanken zur Mobilität).

Das Problem war jedoch, dass ein älteres Ehepaar außerorts in einem alten, viel zu großen Haus lebte. Zugezogen vor 20 Jahren mit vielen Ideen als „Best-Ager“. Jetzt waren sie in die Jahre gekommen, was die ein oder andere Einschränkung mit sich brachte. Sie wurden immer einsamer, doch wussten sie sich selbst nicht recht zu helfen. Der Zustand des Paares sowie des Hauses verschlechterte sich zusehends.

Diese Leute (Bürgerinnen, Kommunalpolitiker, Projektemacher, (soziale) Unternehmen und soziale Träger) waren sich einig, wenn sie jetzt nicht handeln würden, dann würde der Einzelfall des einsamen Ehepaars zur Normalität für viele werden. Eine Abwärtsspirale entstünde: Rückzug älterer Menschen, Einsamkeit, soziale Verwahrlosung, Verfall von Wohnraum. Und im größeren Maßstab: Die Region wäre einfach nicht mehr das, was sie mal war. Sie würde an Reiz und Attraktivität verlieren. Und auch das Thema Wohnraum würde sich dramatisieren: Wohnraum ginge verloren, weil er blockiert wäre und für andere Menschen fehlen würde.

Doch eines Tages begab es sich, dass ein Dorffest veranstaltet wurde, bei dem das alte Ehepaar dabei war. Sie lauschten einem Gespräch am Nachbarstisch, da sie ja nun nicht so viel Anschluss an die Gemeinschaft hatten. Es war ein Gespräch über eine Wohnungssuche. Ein anderes Pärchen erzählte, dass sie Wohnungsuchende als Mitmieter in ihr großes Gehöft einziehen ließen. Im Vorhinein hatten sie viele Sorgen und Bedenken geplagt. Dass es dann zu laut werden würde, ob man sich verstehen würde – doch ihre Bedenken bestätigten sich nicht. Das zuhörende Pärchen schnappte es auf… und das Dorffest ging zu Ende.

Die einzelnen Akteursgruppen entschlossen sich, dem Thema und der Situation gemeinsam zu stellen. Wie könnte man diesen Einzelfall strukturell denken, dass es nicht zur Vereinsamung kommt? Viele Einzelvorhaben der Akteure entstanden: Bürgerinnen überlegten sich und starteten eine Umfrage zum Thema Einsamkeit und Wohnen. Projektemacherinnen dachten: Na ja, wenn es auf dem Dorffest häufiger zu Situationen kommt, dass Frau X der Frau Y erzählt, was sie da Neues mit den Mitbewohnern ausprobiert hat und welche Erfahrungen sie gemacht habe, könnten Dorffeste doch eine gute Werbeplattform für einen solchen Austausch bieten. Der Kommunalpolitiker wägt für sich ab und dachte, dass es eine spannende Imagekampagne wäre, sich diesem Thema zu widmen. Unternehmen verfallen in Aktionismus und entwickeln eine digitale Plattform, bei der sich Menschen mit Wohnraum und mit Wohnraumgesuchen registrieren und zueinander finden können. Potenzieller Wohnraum für potenzielle Angestellte könnten eine Wirkung sein. Sie malten sich auch aus, dass es neue Aufträge für Handwerksunternehmen gäbe, wenn doch nur neue Bewohner mit in die alten Höfe ziehen und gemeinsam mit den alten Mietern die Instandhaltung und den Ausbau vorantreiben würden.

Die Akteure beratschlagten sich untereinander, wie man das Problem am besten angehen würde. Die sozialen Träger wollten Sichtbarkeit schaffen und die Kreisläufe schließen, indem sie Traditionen aufgreifen wollten und das Ergebnis eine schönere Region sein könnte, mit der man sich noch mehr identifizierte. Die Projektemacherinnen sagten, dass sie vor Ort sein müssten. Es brauche Positivgeschichten und es sei vorausschauendes Handeln von Nöten, um auch an die Generationen von morgen zu denken. Die Bürgerinnen wollten Infrastrukturen schaffen und Funktionen kombinieren, wie auf dem Dorffest, was als Kommunikationskanal funktionieren kann. Die sozialen Unternehmen denken voraus und wollen den Umbau direkt barrierearm gestalten: Mit einem Vorzeigeobjekt als Beispiel gehen sie voran und wollen ein anfassbares Muster schaffen, wie so ein neuerer Umbau aussehen könnte. Die Kommunalpolitiker merken, dass es mehr Orte für Austausch brauchte: Sie wollen Räume öffnen, um kollektive Strukturen zu schaffen mit Wertschätzung, z.B. an Dritten Orten.

Das war es! So würden sie es machen. Sie planten also ein Event, nämlich Aktionstage im Waldheim in Bohmstedt bei den Projektemachern, wo alle ihre Ideen zusammenfließen sollten. Aktionstage mit Speeddating, bei dem sich Erfahrene zu dem Thema (gemeinschaftliches Wohnen in zu großen eigenen vier Wänden) mit Interessierten (Wohnungssuchenden & Wohnraumbesitzenden) austauschen können. Bei den Aktionstagen sollten Begegnungsmöglichkeiten entstehen. Gemeinsames Kochen – es müsse nah an den Menschen sein. Sie nahmen sich viel vor.

Doch damit hatten sie nicht gerechnet: Es gab zu viele Herausforderungen…
Klar, das waren viele gute Ideen. In der Theorie. Doch WIE erreichte man die Menschen, die bei dem Erfahrungsaustausch dabei sein sollten? Gerade einsame, ältere Menschen und wo doch Einsamkeit ein sensibles Thema sei. Manchmal auch mit Scham behaftet. Wie bekämen sie überhaupt die Menschen ins Waldheim? Ein Event mit dem Label „Reden über Einsamkeit“ – niemand würde kommen. Die Projektemacher gaben auf. Das schaffen wir nicht!

Nun war erstmal guter Rat teuer. Aber schließlich nahte Rettung in Form von dem Paar, welches auf dem Dorffest damals belauscht wurde. Das Paar mit der Erfahrung, neue Mitbewohner in ihr viel zu großes Haus als Untermieter aufzunehmen und der Erfahrung der neuen Wohnform in Gemeinschaft. Sie dachten sich: Wenn das für andere interessant ist, dann reden wir gern über unsere Erfahrungen. Doch wir wollen es im kleinen Kreise tun. Über Mund zu Mund Propaganda luden sie Nachbarinnen und Bekannte ein. Weil sie im Dorf gut vernetzt waren, kamen ein paar Menschen zu diesem „Themenabend“ im privaten, vertrauten Kreis. Auch das Paar aus der Geschichte vom Anfang, die am Nachbartisch gelauscht hatten und selbst neugierig waren und schon etwas einsam in ihrem viel zu großen Haus.

Schnell sprach es sich in der Region herum… und aus Klein wurde Groß. Nachdem dieses kleine Gesprächsevent bei dem Pärchen stattfand, fassten die Projektemacherinnen wieder Mut. Die Idee war nicht ganz gestorben. Und sie entwickelten eine neue – realistischere Idee: Es soll ein Sommerfest im Waldheim stattfinden. Ein Fest, was alljährlich stattfand und schon etabliert und bekannt war. Die Idee war nun, neben den „üblichen“ Angeboten für Kinder, Kaffee und Kuchen, einen Raum auf dem Fest zu schaffen, wo man über das Thema „Einsamkeit im Wohnen und Wohnraumknappheit“ sprechen könne. Ganz nebenbei auf dem Sommerfest. Auch einen moderierten Meckertisch sollte es geben. Um einmal alles loswerden zu können. Dann sollte aber auch Raum für neue Wohnvisionen sein. Es sind über die Zeit und das viele Nachdenken und dem Suchen nach Lösungen viele Kontakte unter den Akteuren entstanden. Für die Planung des Sommerfests klingeln die Telefone: Die sozialen Träger sollen zum Sommerfest eingeladen werden, die Ehepaare aus der Geschichte und Frau X, die nun auch plant, auf ihrem Hof für eine Wohnung mit Platz für eine 4-köpfige Familie und Gruppe zu schaffen. Das Sommerfest soll auch Schauplatz werden für Gespräche zwischen Kommunalpolitikerinnen, die kommen, zuhören, Ideen und Herausforderungen aufschnappen.

Und die Moral von der Geschicht: Gemeinwohl macht zukunftsfähig. Nur wenn wir gemeinsam nachhaltige Lösungen überlegen – nicht nur im Jetzt, sondern auch an die nachfolgenden Generationen denken – können wir eine zukunftsfähige Gemeinschaft schaffen.